Der selbsternannte Prophet Samuel Bateman wurde im Dezember 2024 von einem US-Bundesgericht zu 50 Jahren Gefängnis verurteilt. Das Urteil erfolgte wegen systematischen sexuellen Missbrauchs minderjähriger Mädchen und organisierter Entführung. Die Netflix-Dokumentation „Trust Me: Der falsche Prophet“ beleuchtet die Machenschaften des Sektenführers und das Schicksal seiner Opfer.
Verurteilung wegen schweren Missbrauchs minderjähriger Mädchen
Bateman bekannte sich vor Gericht schuldig, an einer Verschwörung zur sexuellen Ausbeutung Minderjähriger beteiligt gewesen zu sein. Der 48-Jährige hatte über 20 „Ehefrauen“ gesammelt, von denen zehn noch minderjährig waren. Die Bundesrichterin bezeichnete seine Taten als schwerwiegende Verletzung der körperlichen Unversehrtheit und persönlichen Freiheit der Opfer.
Das Gericht warf Bateman vor, gezielt minderjährige Mädchen aus ihren Familien entführt und systematisch missbraucht zu haben. Die Staatsanwaltschaft dokumentierte mehrere Fälle, in denen Mädchen im Alter zwischen 11 und 16 Jahren zu sogenannten „geistlichen Ehen“ gezwungen wurden. Im Gegenzug für sein Geständnis ließ die Staatsanwaltschaft weitere Anklagepunkte fallen, darunter Vorwürfe des Menschenhandels und der Geldwäsche. Die Ermittlungen hatten ergeben, dass Bateman seine Opfer durch religiöse Manipulation und Isolation kontrollierte.
Besonders schwerwiegend bewertete das Gericht die psychologischen Methoden des Angeklagten. Bateman nutzte religiöse Lehren, um den Mädchen einzureden, dass Widerstand gegen seine Anweisungen eine Sünde darstelle. Mehrere Opfer berichteten vor Gericht von jahrelangen Traumata und dem Verlust ihrer Kindheit durch die systematische Ausbeutung.
Nachfolger von Warren Jeffs führt fundamentalistische Sekte
Bateman übernahm die Führung einer Abspaltung der Fundamentalist Church of Jesus Christ of Latter-day Saints, nachdem deren bisheriger Anführer Warren Jeffs 2011 zu lebenslanger Haft verurteilt worden war. Jeffs war wegen sexuellen Missbrauchs einer Zwölfjährigen und einer 15-Jährigen verurteilt worden. Bateman erklärte sich selbst zum Propheten und knüpfte an die extremistischen Praktiken seines Vorgängers an.
Die Sekte operierte hauptsächlich in Colorado City, Arizona, einer isolierten Gemeinde an der Grenze zu Utah. Die Gemeinschaft zählte etwa 400 Mitglieder, die unter strengen religiösen Vorgaben lebten und externe Hilfe ablehnten. Bateman nutzte charismatische Führung und soziale Isolation, um absolute Kontrolle über seine Anhänger auszuüben. Familien wurden getrennt, wenn Mitglieder Zweifel an seiner Autorität äußerten.
Die fundamentalistische Gruppe praktizierte eine extreme Form der Polygamie, die von der offiziellen Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage seit 1890 abgelehnt wird. Bateman rechtfertigte seine Praktiken mit angeblichen göttlichen Offenbarungen und behauptete, nur durch ihn könne die Gemeinde das Heil erlangen.
Dokumentarfilm deckt Strukturen der religiösen Ausbeutung auf
Die vierteilige Netflix-Serie entstand durch die Arbeit von Christine Marie und ihrem Ehemann Tolga Katas, die 2016 nach Colorado City zogen, um Aussteigern zu helfen. Ironischerweise gewährte Bateman den Filmemachern zunächst Zugang zu seiner Gemeinschaft, weil er sich größere Reichweite für seine Botschaft erhoffte. Diese Entscheidung beschleunigte letztendlich seine Enttarnung.
Die Dokumentation zeigt eindrücklich, wie Bateman systematisch Familienbande zerstörte und Kinder von ihren Eltern trennte. Besonders erschütternd sind die Aufnahmen von sogenannten „Bekehrungsritualen“, bei denen minderjährige Mädchen unter Druck gesetzt wurden, ihre „Berufung“ als Ehefrauen zu akzeptieren. Die Filmemacher dokumentierten auch, wie Bateman Luxusgüter anhäufte, während seine Anhänger in Armut lebten.
Die Dokumentation macht deutlich, dass die Inhaftierung von Sektenführern nicht automatisch das Ende ihrer Machtstrukturen bedeutet. Regisseurin Rachel Dretzin berichtet, dass Bateman auch aus dem Gefängnis heraus täglich mit seinen „Ehefrauen“ telefoniert und weiterhin Einfluss auf seine Anhänger ausübt. Diese Erkenntnis wirft Fragen zur Überwachung inhaftierter Sektenführer auf.
Befreiung der minderjährigen Opfer und langfristige Folgen
Nach Angaben der Filmemacher konnten sich alle in der Dokumentation gezeigten minderjährigen Mädchen von Bateman lösen. Die Befreiung erfolgte durch das koordinierte Eingreifen von FBI-Ermittlern, Sozialarbeitern und Kinderschutzorganisationen. Ein spezielles Zeugenschutzprogramm half den Opfern beim Übergang in ein normales Leben außerhalb der Sekte.
Viele erwachsene Mitglieder der Sekte halten jedoch weiterhin zu dem verurteilten Sektenführer und betrachten ihn als spirituelle Autorität. Experten schätzen, dass etwa 200 Anhänger trotz seiner Verurteilung an Batemans Lehren festhalten. Diese Loyalität erschwert die Rehabilitation der Gemeinschaft und den Schutz weiterer potentieller Opfer.
Die Serie wirft wichtige Fragen zum Umgang mit religiösem Extremismus und dem Schutz von Kindern in abgeschotteten Gemeinschaften auf. Fachleute für Sektenausstieg warnen, dass charismatische Anführer durch familiäre Bindungen und systematische Isolation langfristige Kontrolle über ihre Anhänger ausüben können, selbst wenn sie inhaftiert sind. Die Aufarbeitung der Bateman-Sekte dient als Warnung vor den Gefahren unkontrollierter religiöser Gemeinschaften.


