Als Kind hängte Péter Magyar ein Foto von Viktor Orbán an seine Schlafzimmerwand. Orbán war damals ein junger Jurist und Held der ungarischen Demokratiebewegung, der öffentlich den Abzug der sowjetischen Truppen gefordert hatte. Jahrzehnte später hat Magyar denselben Mann aus dem Amt gejagt. Mit 53,6 Prozent der Stimmen und einer Zweidrittelmehrheit von 138 der 199 Parlamentssitze hat seine TISZA-Partei am Sonntag Geschichte geschrieben – bei einer Wahlbeteiligung von 77,8 Prozent, der höchsten in der Geschichte des demokratischen Ungarns.
Vom Systeminsider zum Systemstürzer
Magyar, am 16. März 1981 in Budapest geboren, ist kein politischer Quereinsteiger im klassischen Sinne – er ist ein ehemaliger Insider des Systems, das er jetzt abgelöst hat. Nach seinem Jurastudium an der Péter-Pázmány-Universität und einem Erasmus-Semester an der Berliner Humboldt-Universität arbeitete er ab 2010 im ungarischen Außenministerium, war als Diplomat im Büro des Ministerpräsidenten tätig und leitete später die EU-Rechtsabteilung der Ungarischen Entwicklungsbank. Er kannte das System von innen – und genau das machte ihn glaubwürdig, als er sich dagegen wandte.
Den entscheidenden Wendepunkt markierte ein Interview im Februar 2024 auf dem YouTube-Kanal Partizan. Magyar rechnete darin öffentlich mit Orbán und seinen Verbündeten ab, sprach von Korruption, Vetternwirtschaft und einer kleinen Elite, die das halbe Land besitze. Das Video erreichte fast drei Millionen Aufrufe – in einem Land mit weniger als zehn Millionen Einwohnern eine gewaltige Reichweite.
Aufstieg in Rekordgeschwindigkeit
Nur vier Monate nach diesem Interview trat Magyar der TISZA-Partei bei und übernahm deren Führung. Bei der Europawahl im Juni 2024 holte TISZA aus dem Stand fast 30 Prozent der Stimmen, Magyar zog ins Europaparlament ein. Im Oktober 2024 überholte die Partei als erste seit 18 Jahren Orbáns Fidesz in Umfragen. Was danach folgte, war ein kontinuierlicher Aufstieg – bis zum historischen Wahltag am 12. April 2026.
Kein Orbán-Gegenbild, sondern ein Spiegel
Magyar spielte seinen Wahlkampf mit ähnlichen Methoden wie sein Vorgänger: Basisarbeit, klare Botschaften, starke Präsenz in sozialen Medien, Kundgebungen mit ungarischen Nationalflaggen. Er reiste in ländliche Fidesz-Hochburgen, sprach Wähler an, die von wirtschaftlicher Stagnation und gestiegenen Lebenshaltungskosten frustriert waren. Inhaltlich setzte er auf Annäherung an die EU und die NATO, versprach die Freigabe von rund 18 Milliarden Euro eingefrorener EU-Gelder und kündigte an, die Abhängigkeit von russischer Energie bis 2035 zu beenden.
In seiner Siegesrede vor Zehntausenden Menschen am Donauufer in Budapest formulierte Magyar seinen Anspruch klar: „Gemeinsam haben wir das Orbán-Regime gestürzt. Wir haben Ungarn befreit.“ Seine ersten Auslandsreisen als Ministerpräsident sollen nach Warschau, Wien und Brüssel führen.
Orbán nahm die Niederlage an und rief Magyar persönlich an, um zu gratulieren. Barack Obama bezeichnete den Wahlausgang als Sieg für die Demokratie, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen schrieb: „Ungarn hat Europa gewählt.“
Der Mann mit dem Orbán-Poster an der Kinderzimmerwand hat die Geschichte umgeschrieben.


