Andrew Lloyd Webber hat in einem ausführlichen Gespräch mit The Times erstmals öffentlich gemacht, dass er sich seit sechzehn Monaten in einem Genesungsprozess von einer Alkoholsucht befindet. Der 78-jährige britische Komponist, Adelsmann und Schöpfer von Musicals wie Cats, The Phantom of the Opera, Jesus Christ Superstar und Evita beschreibt darin einen Weg, der weit unspektakulärer und zugleich härter verlief, als seine öffentliche Rolle im Theaterbetrieb es vermuten ließ. Der Schritt nach draußen ist bemerkenswert, weil Lloyd Webber über Jahrzehnte zu den prominentesten und zurückhaltendsten Figuren der westlichen Unterhaltungsindustrie gehört hat – und weil er seine Erfahrungen nun bewusst nicht als Randnotiz, sondern als vollständige Schilderung eines Rückfalls, einer familiären Krise und einer Wendung zum Besseren teilt.
Wie das Interview zustande kam und was Lloyd Webber darin preisgibt
Der Musiktheater-Unternehmer erklärte gegenüber The Times, dass er sich als „recovering alcoholic“ bezeichnet und vor sechzehn Monaten die Entscheidung getroffen habe, sich professionelle Hilfe zu holen. Rund achtzehn Monate zurückliegend habe seine Familie einen Punkt erreicht, an dem sie nicht mehr wussten, wie es weitergehen sollte. Seine Frau Madeleine habe das Gefühl gehabt, nicht länger in dieser Weise weitermachen zu können, was Lloyd Webber als entscheidenden Auslöser dafür beschreibt, die Situation ernsthaft anzuerkennen. Das Interview wurde am 18. April 2026 in The Times veröffentlicht und anschließend in zahlreichen internationalen Medien aufgegriffen, darunter RTÉ und britische Boulevard- und Qualitätsmedien.
Die Entscheidung zur Offenheit fällt in eine für die Familie belastende Woche. Sein Bruder, der Cellist Julian Lloyd Webber, hatte wenige Tage zuvor bekannt gegeben, dass er sich wegen Prostatakrebs in Behandlung begibt. Andrew Lloyd Webber verknüpft beide Themen im Gespräch nicht direkt, macht aber deutlich, dass er sich bewusst entschieden habe, seine Geschichte jetzt und selbst zu erzählen, statt sie weiterhin in der Schwebe zu lassen.
Der Rückfall nach der ersten Trockenphase
Lloyd Webber war kein Neuling im Versuch, den Alkohol loszuwerden. Bereits 2015 und 2016, während der Broadway-Produktion von School of Rock, hatte er seine Weinsammlung veräußert, zu der Flaschen im Wert von über 10.000 Pfund pro Flasche gehörten, und öffentlich erklärt, nicht mehr zu trinken. Diese Phase, die er im Interview als „white knuckling“ beschreibt – also als ein krampfhaftes Abstinent-Bleiben ohne therapeutische Begleitung – hielt nicht. Er begann wieder zu trinken, zunächst heimlich. Die eigene Einschätzung, das Umfeld bemerke es nicht, beschreibt er rückblickend als Selbsttäuschung. Alle hätten es gewusst, so seine Aussage im Gespräch.
Auffällig ist in seiner Schilderung die Wahrnehmungsverschiebung hinsichtlich der Substanz selbst. Als Weintrinker habe er sich lange nicht als Alkoholiker im klassischen Sinne gesehen – Alkoholismus war für ihn in den eigenen Vorstellungen mit härteren Getränken wie Schnaps verbunden. Umso härter sei der Moment gewesen, als er sich selbst dabei ertappte, Wodka zu trinken, um den Konsum zu verschleiern. Diese Episode beschreibt Lloyd Webber als Punkt, an dem die Mechanik der Sucht für ihn nicht mehr zu leugnen war. Parallel habe sich ein kreativer Teufelskreis aufgebaut: Die Angst, nicht schreiben zu können, habe er mit Alkohol zu lösen versucht, was kurzfristig den Druck nahm, langfristig aber die Menge immer weiter erhöhte.
Der Weg über die Klinik zu den Anonymen Alkoholikern
Ein erster Versuch, die Sucht in einer Klinik zu behandeln, brachte nach seiner Darstellung nicht den erhofften Erfolg. Erst der Weg zu den Anonymen Alkoholikern habe die entscheidende Wende gebracht – und das, obwohl er dem Format zunächst skeptisch begegnet sei. Lloyd Webber beschreibt die AA-Meetings als Räume, in denen alle Beteiligten auf einer Ebene stehen, unabhängig von beruflichem Status oder Bekanntheit. Er hebt hervor, dort Freundschaften geschlossen zu haben, die er sich vorher nicht vorstellen konnte. Besonders deutlich wird das an seiner Aussage, dass ein Meeting in St. Louis zu seinen liebsten gehört, weil er dort mit Menschen zusammensitzt, die aus einem ganz anderen Milieu stammen als sein sonstiger Londoner Kreis.
Er besucht die Treffen inzwischen täglich, auch wenn er zwischen seinen Wohnsitzen in London, Hampshire und New York pendelt. In der Schweiz und in Großbritannien ist er regelmäßiger Teilnehmer, und anonym bleibt er in den Runden nur bedingt. Erkannt worden sei er wiederholt, was für ihn aber kein Problem darstelle. Der entscheidende Durchbruch, so der Komponist, sei gekommen, als er in einer Sitzung jemand anderen über die „Lächerlichkeit“ der eigenen Verbergungsmanöver reden hörte. Dass er dieses Empfinden wiedererkannte, habe er als befreiend erlebt.
Was die Offenlegung für sein Werk und seine öffentliche Rolle bedeutet
Lloyd Webber gehört zu den erfolgreichsten Musiktheater-Produzenten der Welt und hat im Laufe seiner Karriere einen Oscar, einen Golden Globe sowie mehrere Emmys gewonnen, daneben Grammys und Tonys, was ihn zu einem der wenigen lebenden EGOT-Kandidaten in Reichweite macht. Aktuell läuft die Broadway-Produktion Cats: The Jellicle Ball, ein Reinterpretations-Projekt seines Klassikers in einem neuen choreografischen Rahmen. Wenn Lloyd Webber heute darüber nachdenkt, welche Kollaborationen vielleicht nicht zustande kamen, weil sein Alkoholkonsum bekannt war, wiegt das nach eigener Aussage schwerer als die beinahe eingetretenen Unglücke während der aktivsten Konsumphase. Er habe keinen folgenschweren Unfall gehabt, betont er, aber es sei unumgänglich, über die Nähe solcher Momente nachzudenken.
Die kreative Selbstbefragung wiegt für ihn besonders schwer. Er nennt im Interview den Boyzone-Welterfolg No Matter What als Beispiel eines Songs, der in einer Phase aktiven Alkoholkonsums entstanden sei. Solche biografischen Einordnungen sind für einen Künstler seines Kalibers ungewöhnlich direkt, weil sie die romantisierende Erzählung vom „Wein als Muse“ an konkreten Werken durchbrechen. Lloyd Webber macht im Gespräch deutlich, dass er heute produktiver und klarer arbeitet als in den Jahren des heimlichen Konsums.
Warum die Offenheit eines 78-Jährigen gerade jetzt kulturell relevant ist
Öffentliche Coming-outs als „recovering alcoholic“ sind im internationalen Showgeschäft kein Novum, aber sie bleiben selten in einer Karrierephase, in der der Künstler nicht mehr beweisen muss, sondern einordnen kann. Lloyd Webber wird Anfang 2027 seinen neunten Geburtstag im neuen Lebensjahrzehnt vorbereiten und nutzt die Interviews des April 2026, um den Fokus bewusst auf Genesung und nicht auf Bühnenhöhepunkte zu legen. Dass er dabei auf die Kraft eines Peer-Programms wie AA verweist – und nicht auf teure Privatbehandlung oder medialisierte Luxus-Rehabilitation -, ist für die Entertainment-Berichterstattung ein Muster, das in den vergangenen Jahren immer häufiger zu sehen ist und das den Unterschied zwischen öffentlicher Selbstdarstellung und tatsächlichem Lebenswandel sichtbarer macht.
Sein Bericht dürfte innerhalb der britischen Theater- und Musikszene zusätzliches Gewicht haben, weil Lloyd Webber in dieser Welt als einer der zentralen Gatekeeper gilt. Für Nachwuchstalente, Komponisten und Produzenten, die mit ähnlichen Problemen kämpfen, ist das Signal mindestens so relevant wie die inhaltliche Substanz des Interviews. Sucht im Musiktheater-Umfeld war lange ein Tabu, das selten konkret angesprochen wurde.
Warum die Offenheit eines 78-Jährigen gerade jetzt kulturell relevant ist
Öffentliche Coming-outs als „recovering alcoholic“ sind im internationalen Showgeschäft kein Novum, aber sie bleiben selten in einer Karrierephase, in der der Künstler nicht mehr beweisen muss, sondern einordnen kann. Lloyd Webber wird Anfang 2027 seinen neunten Geburtstag im neuen Lebensjahrzehnt vorbereiten und nutzt die Interviews des April 2026, um den Fokus bewusst auf Genesung und nicht auf Bühnenhöhepunkte zu legen. Dass er dabei auf die Kraft eines Peer-Programms wie AA verweist – und nicht auf teure Privatbehandlung oder medialisierte Luxus-Rehabilitation -, ist für die Entertainment-Berichterstattung ein Muster, das in den vergangenen Jahren immer häufiger zu sehen ist und das den Unterschied zwischen öffentlicher Selbstdarstellung und tatsächlichem Lebenswandel sichtbarer macht.
Sein Bericht dürfte innerhalb der britischen Theater- und Musikszene zusätzliches Gewicht haben, weil Lloyd Webber in dieser Welt als einer der zentralen Gatekeeper gilt. Für Nachwuchstalente, Komponisten und Produzenten, die mit ähnlichen Problemen kämpfen, ist das Signal mindestens so relevant wie die inhaltliche Substanz des Interviews. Sucht im Musiktheater-Umfeld war lange ein Tabu, das selten konkret angesprochen wurde.


